Chronik - Die Zeit vor 1911

Die Eingemeindung eines Teiles der Gemeinde Wessendorf
in die Stadt Stadtlohn im Jahre 1910

Von der Schlinge im Süden bis zur Berkel im Norden erstreckt
sich über rund sechs Kilometer Länge und 500 bis 1000 m Breite
auf einem leichten Höhenzug das fruchtbare Ackerland des
Lohner Esches. Seit dem Frühmittelalter war diese Ackerflur von
einem Ring von Bauernhöfen umgeben, der sich später in die
Bauerschaften Eschlohn, Hundewick und Wessendorf gliederte.
Ganz im Norden des Siedlungsraumes lag der bischöfliche Amtshof
zu Lohn, auf dessen Hofgrund Bischof Liudger um 800 n. Chr.
eine seiner ersten münsterländischen Pfarrgründungen vornahm
und sein späterer Nachfolger Bischof Werner um 1150 zum Schutze
der Kirche eine Burg anlegte.
Der Name „Wessendorf“ bürgerte sich für die Bauernhöfe ein, die
im Westen des Amtshofes, der Kirche und des sich entwickelnden
Kirchdorfes lagen. Er ist erst seit 1536 belegt und scheint sich mit
der Einführung der fürstbischöflichen Kirchspielsschatzung verfestigt
zu haben. Die Bauerschaft im Osten nannte man dementsprechend
„Estern“.


Mit der Erhebung des Dorfes Lohn bzw. Nordlohn zur „Stadt
Lohn“ in den Jahren 1388/89 wurde ein neuer Rechtsraum
geschaffen. Gleichzeitig griffen der Bau von Wall und Graben
sowie die Besiedlung der Stadt entlang der neuen Straßen Hagen-
, Johannes- und Neustraße in die gewachsenen bäuerlichen Siedlungsstrukturen.
So wurde der bischöfliche Amtshof zu Lohn vermutlich
in dieser Zeit als Schulzengut aufgelöst und seine Grundstücke
einzeln verpachtet.
Der Bauer Claushues, dessen Hof im Bereich der Stadt gelegen
hatte, musste seinen Standort wechseln und wurde umgesiedelt.
Auch die Güter Renneboem, Avering und Eising, die ihren Standort
ebenfalls innerhalb der Stadt oder im direkten Umfeld besessen
hatten, wurden beeinträchtigt. Die Bauern blieben in der
Stadt als Bürger sesshaft und verpachteten ihren Landbesitz. Die
umfassende Neustrukturierung des Raumes wurde dadurch
erleichtert, dass fast alle Wessendorfer Höfe über den Hof zu
Lohn zum Grundbesitz des Fürstbischofs von Münster gehörten,
der die Stadtgründung förderte.


Auf diese enge Verbindung von Bauerschaft und Stadt dürfte der
eigentümliche Umstand zurückzuführen sein, dass der Bauer
Claushues das ganze und die übrigen Wessendorfer das halbe
Stadtlohner Bürgerrecht verliehen bekamen. Sie wurden vermutlich
auf diese Weise für die Belastungen entschädigt, die sie
durch die Stadterhebung hinnehmen mussten. Sie unterstanden
nunmehr dem Stadtgericht Stadtlohn, dem ein Richter mit einem
Gerichtsschreiber vorstand und an dem die beiden amtierenden
Bürgermeister als Schöffen oder Beisitzer fungierten. Der Rest
des Kirchspiels Stadtlohn hatte seine Streitfälle vor dem fürstbischöflichen
Gogericht des Gografen zum Homborn „unter dem
Baken vor dem Eschtor“ zu verhandeln. An der Wessendorfer
Mark, einer großen Fläche unkultivierten Landes, waren die
Stadt zu vier Fünftel, die Bauerschaft zu einem Fünftel beteiligt.
Ebenso wie die Städter trugen die Bewohner von Wessendorf
nicht zu den Unterhaltskosten der Kirche und des Kirchhofes bei.
In einem Schreiben vom 21. September 1616 heißt es in Bezug
auf ihre Rechtsstellung: „Wasgestalt wir dero Wessendorfer Bauerschaft
Eingesessenen jedes Mal vor undenklichen Jahr hero
in Schatzungen und Verrichtungen und vorfallenden Kirchspiels-
Auflagen und Beschwernissen den Stadtlohnschen Bürgern
gleich gehalten sein und mit keinem weiteren Dienstbarkeiten
oder Landfolgen mehr dann solche Bürger beladen oder
beschweret worden, nicht dem Gografen, sonder Stadtlohnscher
Richter in rechtlichen Sachen unterworfen, dem Herrn
Archidiakon kein Sendkorn wie andere des Kerspels Baurleute
zu zahlen, noch am Kirchhove die Mauern zu reparieren
nicht schuldig, und dem Herrn Pastori und Küster kein Messkorn, sondern gleich einem Bürger zu Stadtlohn die jährlichen
Schuldigkeiten, verrichten müssen.“(BAM, Vreden A 637.3)

 

Zur Bauerschaft gehörten ursprünglich neben den parzellierten
Höfen Lohn, Avering, Eising und Ronneboem die Güter Claushues,
Wenning, Upgang, Döbbelt, Kamphues, Hilbert, Sahlmer,
Hueske, Lansing, Vardebrecht, Bülsing, Garwert, Konert, Wilmer
und Imming. In Hinblick auf ihre Größe galten Claushues, Wenning
und Upgang zumeist als „ganze Erben“, Lansing, Garwert,
Konert, Imming und Kamphues als „halbe Erben“ und Sahlmer,
Hueske, Vardebrecht, Wilmer, Hilbert und Döbbelt als Pferdekötter,
wobei in den Schatzungen je nach den wirtschaftlichen
Bedingungen leichte Unterschiede zu verzeichnen sind. Der Hof
Bülsing wurde Anfang des 16. Jahrhunderts geteilt und später als
„Kotten Ortbrock“ bezeichnet.


Vertrag

1672 teilen die Wessendorfer dem Amtsdrosten in Ahaus mit,
dass sie nicht verpflichtet seien, bei der Musterung der Kirchspielsbewohner
anzutreten. „Daß wir in so weit vom Kirchspiel
separiert und unter ein anderes partikular Geicht mit dem
Wigbolt Stadtlohn notorie bestehen, wir auch mit den Stadtlohnischen
Bürgern die halbe Bürgerschaft und uns mit denen
ihrer Privilegien, Recht und Gerechsame zu erfreuen haben,
auch unter dero Compagney-Offizieren und Fähnlein unsere
Züge und Wachten leisten, wie dann tempore necessitatis
einen sicheren (bestimmten) Ort auf des Stadts- und Wigbolds-
Walle defendieren, selbigen in esse halten (Instand halten)
und konservieren müssen“. (BAM, Vreden A 637.3)


Die besondere Rechtsstellung der Bauerschaft Wessendorf
bestand bis zur Einführung des französischen Verwaltungssystems
im Jahre 1811, das die Stadt und das Kirchspiel Stadtlohn in
einer Bürgermeisterei (Mairie) zusammenfasste. Diese Verwaltungseinheit
behielten auch die preußischen Behörden nach
1813 zunächst bei. Erst 1837 endete nach der Einführung der
„Revidierten Städteordnung“ mit der Amtseinführung des Bürgermeisters
Karl Friedrich Holländer die gemeinsame Verwaltung
der Bauerschaftsgemeinden des Kirchspiels bzw. Amts Stadtlohn
und der Stadt Stadtlohn.


Bei der Grenzziehung zwischen der Gemeinde Wessendorf und
der Stadt Stadtlohn ergaben sich Probleme, da eine genaue Trennungslinie
nicht bekannt war und das Grundsteuerkataster keine
Unterschiede zwischen beiden Kommunen machte. Die Gemeinde
Wessendorf wollte die Stadt auf das Gebiet innerhalb der früheren
Stadtmauern beschränken, obwohl diese nicht mehr vorhanden
waren und nur noch als ideelle Linie bezeichnen wurden.
Selbst die Butenstadt sollte nicht mehr zur Stadt gehören. Die
Stadt selbst forderte dagegen u.a. das Gebiet des so genannten
Dufkampes als ehemalige Feldmark, wogegen die Wessendorfer
argumentierten, die Stadt habe niemals eine Feldmark besessen.
1846 entschied die Regierung, „daß der Stadtwall, die Mauern
und die sogenannte Butenstadt das Gebiet der Stadt begränzen“.
Es war allerdings für die Stadt noch eine Entschädigung für
den Hof Claushues festzulegen, da dieser ursprünglich zum Stadtgebiet
gezählt wurde, obwohl er räumlich davon getrennt war.
Am 22. Mai 1849 kam man zu einer Übereinkunft, die der Stadt
das Gebiet des Dufkampes bis zur Brakstraße, der Butenstadt
und eine größere Fläche im Süden (etwa bis zum Südring) überließ.
In dem Gebiet außerhalb der eigentlichen Stadttore lebten
zu dieser Zeit vor allem im Bereich der Dufkamp-, Esch-, Klosterund
Vredener Straße bereits 78 Familien. Der Flächeninhalt der
Stadt betrug nun 47 ha 66 ar.


Die Einwohnerzahl der Stadt Stadtlohn ging in der zweiten Hälfe
des 19. Jahrhunderts als Folge von Auswanderungen und wirtschaftlicher
Not von 2425 im Jahre 1849 auf 2049 im Jahre 1890
zurück. Auch in Wessendorf sank die Zahl von 386 auf 352. Erst
langsam brachte die beginnende Industrialisierung einen Wechsel
zum Besseren. Schon 1863 gründete Heinrich Hecking auf
städtischem Gebiet (im Bereich des heutigen Busbahnhofs) eine
erste mechanische Weberei. Es folgten im Stadtgebiet die Firmengründungen
von Hecking & Co. (1893) und Cohaus & Demes
(1896). In Wessendorf, direkt an das Stadtgebiet anschließend,
entstanden die Webereien von Witwe J. G. van Bömmel (1888)
und eine zweite Weberei von Heinrich Hecking Söhne (1895).
1907 folgten der Bau der Spinnerei Hecking und der Zigarrenfabrik
Gelsing. Die Ansiedlung von Fabrikarbeitern erfolgte zunehmend
im Bereich von Wessendorf, so z. B. an der Blumenstraße,
Engelstraße, Schlichthorststraße und der Feldstraße (später Sanssouci).
Bis zum Jahr 1905 wuchs die Einwohnerschaft Stadtlohns
auf 3150, die von Wessendorf auf 1313.

 

Die aneinander grenzenden und ineinander übergehenden
Wohngebiete führten zu zahlreichen Problemen. Um trotzdem
eine geordnete Stadtentwicklung sicher zu stellen, wandte sich
der Magistrat der Stadt Stadtlohn am 6. April 1898 bezüglich der
Erstellung eines gemeinsamen Bebauungsplanes an das Amt
Stadtlohn: „Da nun aber der Stadtbezirk sehr eng begrenzt ist
und die Gemeinde Wessendorf an verschiedenen Stellen sogar
an die Straßen der Stadt anschießt, so halten wir es für unbedingt
erforderlich, daß der Plan auch gleichzeitig auf die
Gemeinde Wessendorf ausgedehnt werde, um so die beiderseitigen
Baufluchtlinien pp. einheitlich festzustellen“. Die
Gemeinde Wessendorf lehnte dies zunächst wegen der zu erwar -
ten den Kosten ab. Der Amtmann Koeper ergänzte aber: „Meiner
Ansicht nach kann die Stadt vorläufig, ganz unbekümmert um
Wessendorf, für ihren Bezirk allein einen Bebauungsplan
anfertigen und würde die Gemein de Wessendorf dann bei der
späteren Anfertigung eines solchen Pla nes für den die Stadt
umgebenden Theil der Bauerschaft einen Anschluß an den
städtischen Bebauungsplan sichern müssen.“ Der Bürgermeister
der Stadt Stadtlohn, Vinzenz Cherouny, bat darauf den Landrat
in der Angelegenheit das Notwendige zu veranlassen, „wenn
etwas ordentliches geschaffen werden soll, dann muß der Plan
gemeinsam und einheitlich aufgestellt sein, denn wenn die
Stadt an der einen Seite der Straße geordnet und stricte nach
dem Bebauungsplan arbeitet, während gegenüber nach Willkür
und ohne jeden Anhalt gebaut wird, dann sind alle Mühen
und Kosten vergebens.“


Am 20. Juli 1898 beschloss die Gemeindevertretung Wessendorf,
mit der Stadt Stadtlohn bezüg lich der Aufstellung eines gemeinsamen
Bebauungsplanes in Verbindung zu treten, doch wurde
man sich über die Kosten nicht einig. Während die Stadt die
Länge der zu regulierenden Straßen als Berechnungsgrundlage
ansetzte, war die Gemeinde Wessendorf der Meinung, dass die
Initia tive von der Stadt ausgegangen und sie selbst mit der Festlegung
von Baufluchtlinien zufrieden sei, die wenig Kosten verursachten.
Auch Versuche, die Erträge des geplanten Bahnhofs in
diesem Zusammenhang zu verteilen, scheiterten. Am 27. März
1899 beschlossen die Vertretungen der Stadt Stadtlohn und der
Gemeinde Wessendorf in einer gemeinsamen Sitzung, jeweils
getrennte Bebauungspläne auf eigenen Kosten zu erstellen. Im
Oktober 1899 erteilte zunächst Wessendorf und anschließend die
Stadt die entsprechenden Aufträge dem Vermessungsbüro R.
Noelle in Münster. Schon im Januar 1900 war der Bebauungsplan
für Wessendorf weitgehend fertiggestellt. Er bezog sich im
wesentlichen auf die nach Vreden, Ahaus, Gescher und Südlohn
führenden Hauptstraßen. Im September 1902 wurde er um den
Bereich zwischen Stadt und Bahnhof ergänzt.


Am 27. August 1906 beschloss die Stadtverordnetenversammlung
von Stadtlohn auf Anregung ihres Magistrats die Probleme der
Stadtentwicklung grundsätzlich zu lösen und die Erweiterung
des Stadtgebietes durch Einverleibung eines Teils der die Stadt
umschließenden Gemeinde Wessendorf anzustreben. Für die Verhandlungsführung
wählte man eine Kommission, die aus folgenden
Mitgliedern bestand:
1. Bürgermeister Vinzenz Cherouny
2. Magistratsmitglied Johann Spandern
3. Stadtverordneter Bernhard Holtz
4. Stadtverordneter Ferdinand Terrahe
5. Stadtverordneter August Jansen.


Folgende Gründe lagen dem Antrag der Stadt auf Umgemeindung
zugrunde. Der Stadtbezirk umfasste einen Flächeninhalt von
47,66 ha, der bis auf einen geringen Teil, der nicht bebauungsfähig
war, vollständig besiedelt war. Eine weitere Ausdehnung der
Stadt war somit ausgeschlossen. Nicht nur viele bauwillige Stadtbewohner
waren gezwungen, die Stadt zu verlassen und sich in
der unmittelbar angrenzenden Nachbargemeinde niederzulassen,
auch die Industriebetriebe besaßen nur dort Entwicklungsmöglichkeiten.
Die finanzielle Leistungsfähigkeit der Stadt wurde auf
diese Weise reduziert. „Die Erweiterung des Stadtbezirks ist
deshalb nicht nur in wirtschaftlicher Beziehung eine Notwendigkeit,
sondern sie ist für die Stadt geradezu eine Existenzfrage.“


Man wies aber auch darauf hin, dass die Erweiterung im allgemeinen
öffentlichen Interesse liege. Die zahlreichen und zunehmenden
gemeinsamen Polizei- und Verwaltungsaufgaben der
aneinandergrenzenden Kommunen führten zu unnötigem Aufwand
und Kosten und ließen sich nach einer Umgemeindung
leichter und vorteilhafter abwickeln. Auch geschichtliche Gründe wurden herangezogen. In alter Zeit seien Stadtlohn und Wessendorf
stets zusammengehörig gewesen, wie in alten Urkunden
nachzulesen sei und auch die Katasterbezeichnung Stadtlohn-
Wessendorf lasse die enge Beziehung leicht erkennen. Schließlich
profitiere die Gemeinde Wessendorf ebenfalls von der Neuordnung.
Es entfielen die infolge der Entwicklung der Industrie notwendigen
neuen Verkehrs- und Beleuchtungsanlagen, die Erweiterung
der Verwaltung und zusätzliche Kosten für das Schul- und
Armenwesen. Man forderte die Gemeindevertretung Wessendorf
auf, der gewünschten Umgemeindung keine Schwierigkeiten in
den Weg zu legen und für die notwendigen Verhandlungen ebenfalls
eine Kommission zu bestimmen.


Am 15. August 1906 erfolgte eine Begehung des für die anstehenden
Eingemeindungsverhandlungen in Frage kommenden Terrains,
an der von der Gemeinde Wessendorf neben dem Amtmann
Mathias Schanz folgende Personen teilnahmen:
1. Amtsbeigeordneter Weddeling-Thering
2. Gemeindevorsteher Holtkamp gt. Claushues
3. Gemeindeverordneter Fabrikant Albert Demes
4. Gemeindeverordneter Zeller Wilmer
5. Gemeindeverordneter Zeller Lembeck.


Am 24. September 1906 beschloss der Gemeinderat Wessendorf
einstimmig, in die Eingemeindungsverhandlungen mit der Stadt
einzutreten und beauftragte die vorgenannten Personen als Kommission
mit den vorbereitenden Beratungen. Am 12. November
1906 traten die Eingemeindungskommissionen zu ihrer ersten
Sitzung im Lokale Schöning zusammen. Die Vertreter Wessendorfs
waren im Prinzip mit der Abtretung einer an die Stadt
angrenzenden Fläche einverstanden. Sie schlugen folgenden
neuen Grenzverlauf vor: Von der Berkel im Osten entlang der
Bahnlinie im Süden bis zur Vredener Straße im Westen, von dort
über Wennings Stiege bis zur Berkel. Nördlich der Berkel wurden
der Bereich des Steinkamp und des Helmert einbegriffen, bevor
die Grenze wieder entlang der Berkel bis zur Bahnlinie verlaufen
sollte. Bahnhof und Bahnanlagen sollte bei der Gemeinde Wessendorf
verbleiben. Die im Bereich des Eingemeindungsgebietes
anstehenden Neubauten der Zigarrenfabrik Gelsing und der Spinnerei
Hecking sollte bei der Höhe der Entschädigung für ausfallende
zukünftige Steuereinnahmen berücksichtigt werden.
Die Kommission der Stadt war mit dem vorgeschlagenen Grenzverlauf
weitgehend einverstanden. Nur im Bereich des Lohner
Esches, beiderseits der Straße nach Südlohn, wünschte man weitere
Flächen bis etwa in Höhe der Bakenstraße. Diese offene
Frage wurde zunächst ausgeklammert und bis zu weiteren Verhandlungen
zurückgestellt. In dem Gebiet, über das Einigkeit
bestand, lebten zu diesem Zeitpunkt 717 Personen, im strittigen
Gebiet nur 18.


Die Verhandlungen gerieten in den folgenden Monaten ins Stocken,
da man schon bei der Beschlussfassung über ein Protokoll
der Sitzung vom 12. November 1906 unterschiedlicher Meinung
war. Hauptstreitpunkt war die Höhe der Entschädigungszahlung
die Frage welche Faktoren darin einfließen sollten. Die Gemeinde
Wessendorf stellte dabei in Aussicht, auf eine direkte Zahlung
zunächst verzichten zu wollen und sich für zehn Jahre mit Zinszahlungen
zu begnügen.


Am 21. November 1907 kam es im Restaurant Sonntag (Bahnhof)
in Stadtlohn unter Leitung des Landrates von Schorlemer-Alst
und im Auftrage des Regierungspräsidenten zu einen weiteren
Verhandlungstermin, um die zukünftigen Grenzen festzulegen.
Die Vertreter Wessendorf gaben nunmehr bekannt, sich mit der
Abtretung des strittigen Gebietes im Esch nur unter der Vorraussetzung
einverstanden zu erklären, dass die Stadt auch den Bahnhof
übernehme. Die Vertreter der Stadt wollten sich dazu erst
äußern, wenn eine die Entscheidung über eine Übernahme der
Nordbahn durch den Staats entschieden sei. Man entschied,
zunächst das notwenige, umfangreiche statistische Material
zusammenzutragen, um die zukünftigen steuerlichen Ausfälle der
Gemeinde Wessendorf, des Kirchspiels und des Amtes Stadtlohn
z. B. an Umsatz-, Bier-, Lustbarkeits-, Einkommens-, Grund-,
Gebäude- und Gewerbesteuer zu ermitteln und eine Vorstellung
über die Höhe der zu zahlenden Entschädigung zu erhalten und
sich dann erneut zu treffen.


Am 1. Februar 1908 gab Amtmann Schanz dem Landrat einen
Überblick über die finanziellen Verhältnisse der Gemeinde Wessendorf
für den Zeitraum der vorangegangenen zehn Jahre. Er
war der Überzeugung, dass die Vertreter der Gemeinde Wessendorf
und des Amtes Stadtlohn eine Gebietsabtretung zustimmen würden, wenn eine Entschädigungssumme von etwa 150000
Mark der Stadt die Steuerlast der Restgemeinde durch die Zinseinkünfte
langfristig niedrig halten würde. Bürgermeister Cherouny
von der Stadt forderte zunächst den Entwurf eines Haushaltsetats
der zukünftigen Restgemeinde Wessendorf, um deren
Belastungen durch die Verkleinerung ermitteln zu können.


Am 25. November 1908 wies der Magistrat der Stadt die Vorstellungen
der Gemeinde Wessendorf über die Höhe der Entschädigung
zurück. Diese würde durch die Umgemeindung ein „gutes
Geschäft“ machen und die verbleibenden Wessendorfern gegenüber
den in die Stadt eingemeindeten dauerhaft durch niedrigere
Steuersätze bevorteilt. „Letztere werden sich für diese ungleiche
Behandlung höflichst bedanken und mit Recht gegen ihre
Abschiebung zur Stadt ohne Zuwendung eines Anteils an dem
Vermögen und den Einkünften der Gemeinde Wessendorf – die
Restgemeinde, der Amts- und Landgemeinde Verband nehmen
die ganze Entschädigung für sich in Anspruch – protestieren.“
Dabei würde übersehen, dass der Gemeinde Wessendorf und
dem Amt Stadtlohn durch die Umgemeindung auch Lasten abgenommen
würden. Eine im öffentlichen Interesse vorgenommene
Bezirksveränderung bewirke keine Entschädigungsansprüche.
Jeder Verwaltungsbezirk habe seine eigenen Lasten zu tragen
und keiner habe das Recht, von einem anderen unterstützt zu
werden. Zudem gebe die Gemeinde Wessendorf nur das zurück,
was der Stadt bis in die allerletzte Zeit noch besessen habe. Alle
Industrieansiedlungen in Wessendorf seien durch das Vermögen
städtischer Bürger vorgenommen worden und beinahe alle
Bewohner des einzugemeindenden seien aus der Stadt zugezogen.
Aus Billigkeitsgründen erklärte sich die Stadt bereit, eine
Entschädigung von 40000 Mark an die Gemeinde Wessendorf zu
zahlen, die ihrerseits das Amt und das Kirchspiel Stadtlohn
zufriedenzustellen habe.


Amtmann Schanz lehnte den städtischen Vorschlag am 16.
Dezember 1908 ab und schlug vor, das der Eingemeindung
vorangehende Rechnungsjahr als Grundlage für die Entschädigung
zu nehmen und diese so hoch zu bemessen, dass die Steuersätze
der Restgemeinde Wessendorf, des Amtes und des Kirchspiels
Stadtlohn gleich blieben. Damit läge der Schwerpunkt der
Entschädigung nicht bei der Gemeinde Wessendorf, sondern bei
den anderen Gemeindeverbänden. Die Umgemeindung könne
dann auch nur am 1. April, dem Ende des Rechnungsjahres vollzogen
werden, um zu einer klaren Abrechnung zu kommen.


Am 23. März 1909 erschien der Kommunal-Referent Regierungsrat
Dr. Kaempf auf dem Bürgermeisteramt in Stadtlohn, um mit
beiden Seiten zu verhandeln. Nach weiteren Vorgesprächen
konnte am 19. November 1909 im Hotel Sonntag an der Dufkampstraße
in Stadtlohn schließlich eine Einigung erzielt werden.


Amtmann Mathias Schanz hatte inzwischen die Verhandlungsseite
gewechselt, da er am 27. Mai 1909 zum Bürgermeister der
Stadt Stadtlohn als Nachfolger von Vinzenz Cherouny gewählt
worden war und am 11. Juli 1909 sein neues Amt angetreten
hatte. Wilhelm Bohnenkamp übernahm am 27. Juli 1909 die Leitung
des Amtes Stadtlohn.


Das Stadtgebiet wuchs zum 1. April 1910 um 130 ha auf einen Flächeninhalt
von nunmehr rund 178 ha an. Mit dem eingemeindeten
Gelände gelangten rund 1000 Einwohner, 140 Wohnhäuser,
1 Arrestgebäude, 2 Webereien, 1 Spinnerei, 1 Zigarrenfabrik, 2
Windmühlen, 2 Sägewerke und 1 Zementwarenfabrik zur Stadt.
Die Einwohnerzahl der Stadt wuchs durch die Eingemeindung
von 3056 im November 1909 auf 4082 am 1. April 1910. Die Stadt
Stadtlohn verpflichtete sich, der Gemeinde Wessendorf eine Entschädigung
von 15000 Mark, dem Verband der Landgemeinden
des Kirchspiels Stadtlohn aber als Ausgleich für die geschwächte
Steuerkraft Wessendorfs eine Entschädigung von 50000 Mark zu
zahlen. Die Entschädigungen waren am Tage der Eingemeindung
in bar zu übergeben. Schließlich musste die Stadt Stadtlohn
innerhalb von zwei Jahren eine Umnummerierung aller neuen
Gebäude vorzunehmen. Die endgültige Unterzeichnung des Vertrages
durch die Vertretungen der Stadt Stadtlohn und der
Gemeinde Wessendorf erfolgte am 20. Juni 1910.